↓ Zum Hauptinhalt springen

Von Hamburg in den Solent an Bord Lucy

··1539 Wörter· loading · ·
Inhaltsverzeichnis

oder: Sometimes even Gentlemen need to sail to windward

Wir legen ab
#

Am 1. Juni 2026, 7 Uhr legen wir ab und Karsten steuert die Contessa 32 Lucy aus dem Finkenwerder Hafen ins Fahrwasser der Elbe. Unser Ziel ist der Solent – das traditionelle Mekka der Segelwelt. Zwei Tage zuvor hat Karsten mich wie verabredet am Hamburger Hauptbahnhof abgeholt. Per Videokonferenz hatten wir uns zuvor ausgetauscht und beide das Gefühl: Das könnte passen für die 600 sm zu zweit mit Lucy von der Elbe über die Nordsee durch den Kanal ins britische Lymington.

Wir sind zwar mit ablaufendem Wasser unterwegs, aber der Wind lässt uns im Stich. Unter Motor erreichen wir am frühen Nachmittag Glückstadt. Zeit genug für einen Bummel durch das hübsche Städtchen. Schließlich sitzen wir vor einer Bäckerei in der Sonne und verplaudern bei Cappuccino und Kuchen den Nachmittag und lernen uns allmählich besser kennen: Ja – das passt!

Nach Cuxhaven
#

Auch für die Strecke nach Cuxhaven am nächsten Tag ist uns der Wind keine Hilfe. Die Liegeplatzsuche ist herausfordernd, denn durch den Hafen zieht mächtig der Gezeitenstrom und macht die Manöver anspruchsvoll. Aber schließlich liegen wir fest und sicher. Leider sitzen wir auch fest – die Windprognose für den kommenden Tag ist unterirdisch – starker Wind aus West, also ziemlich genau auf die Nase. Das hieße reine Motorfahrt, bei der wir aber wegen der zu erwartenden Welle nur im Schneckentempo vorankommen würden. Ein Zwischenstopp in Helgoland ist angesichts der Windverhältnisse auch keine Lösung. Wir entscheiden uns fürs Sightseeing in CUX. Wie sich schnell herausstellt, ist das einschlägige Angebot aber sehr, sehr überschaubar. Zum Abendessen gibt’s Fisch im historischen Fischereihafen.

Auf dem Rückweg dann noch das Highlight des Tages: Kurz vor Ladenschluss stolpern wir zufällig ins „Bahlsen Outlet Cuxhaven“. Alle Arten von Keksen, Schokoladen und anderen Süßigkeiten in normalen, großen und sehr großen Packungen. Gesundheitsbewusst, wie wir nun mal sind, halten wir uns zurück und belassen es bei moderatem Einkauf. Im Rückblick ziemlich blöd, denn unser Bedarf an einfach zu vertilgenden Kalorien sollte schon in nächster Zukunft drastisch zunehmen.

Am Abend dann die Überraschung: Nach Deutschem Wetterdienst, Windy und Konsorten scheint sich ein Wetterfenster zu öffnen, zwar nur einen Spalt, aber immerhin: In der übernächsten Nacht ab ca. 22 Uhr soll der Wind für ein paar Stunden auf südliche Richtung drehen. Das könnte reichen, um Weser- und Jademündung zu queren und die Passage nördlich der Ostfriesischen Inseln unter Segeln zu bewältigen. Und vor allem lässt es hoffen, dass wir in diesem Abschnitt nicht mit gegenlaufender Welle kämpfen müssen. Trotzdem eine schwierige Entscheidung, denn der DWD warnt vor Böen 6 – 7 Bft. Jeder von uns macht das mit sich aus, und jeder kommt zur Entscheidung: Wir können das! Wir wollen das! Also noch eine ruhige Nacht im Hafen, etwas Einkauf am folgenden Vormittag und dann Vorbereitung der Nachtfahrt.

Gegen den Wind
#

Um 18 Uhr legen wir ab und motoren mit der Gezeit elbabwärts. Auf der Höhe von Gelbsand queren wir das Elbfahrwasser, hangeln uns am Rand des Neuwerker Watts nach Nordwest und freuen uns, als wir nach dem Scharhörnriff auf WSW eindrehen können. Die eigentliche Nordsee begrüßt uns erst mal mit heftigen Regenschauern – Regenwasser und Meerwasser gehen ineinander über, Sicht bleibt in der Dämmerung zweitweise keine übrig. Dafür ist auf dem AIS erkennbar, das der Schiffsverkehr stark zu nimmt. Während auf der Elbe verblüffend wenig Berufsschifffahrt unterwegs war, scheinen wir jetzt in die Rushhour geraten zu sein – Dickschiffe aus allen und in alle Richtungen - aus und in die Mündungen von Jade und Weser, aus und in Richtung der Verkehrstrennungsgebiete. Ein Lotse, beleuchtet wie ein Christbaum, umkreist uns mit etwas Abstand, so als wolle er sich überzeugen, dass die Crew auf dem kleinen Segelboot in der Nacht unter lauter Profis weiß, was sie tut.

Endlich – der Wind dreht wie prognostiziert, der Motor hat wohlverdiente Ruhe, und wir können das Dampferlicht löschen, was uns die Navigation gegenüber dem motorisierten Verkehr um uns rum erleichtert. Dank AIS, das ich in der Nacht lieben lerne, lässt sich die Berufsschifffahrt in unserem Umfeld gut sortieren. Dies ganz besonders, als wir die großen Reeden südöstlich der Verkehrstrennungsgebiete passieren. Die Laternen der vielen Ankerlieger bilden ein Lichtermeer, aus dem sich mit AIS die in Fahrt befindlichen Schiffe viel leichter heraussortieren lassen. Dazu kommt noch das beruhigende Wissen, dass die dicken Pötte auch unser Signal zumindest auf dem Bildschirm haben.

Der Wind legt ordentlich zu, auf unserem Amwindkurs wird der Ruderdruck ungesund – Zeit zum Reffen. Karsten hat den unangenehmen Job, eingepickt ins Strecktau aufs Vorschiff zu turnen und bis zur Hüfte in der Spray stehend das Großsegel am Mast zu reffen. Der Effekt zeigt sich sofort: Mit deutlich weniger Krängung sind wir einen Knoten schneller unterwegs. Lucy segelt wunderbar stabil und legt sich in den Drückern gepflegt auf die Backe, was ich angesichts ihrer Breite von gerade 3m so gar nicht erwartet hatte; ich muss mich nur etwas daran gewöhnen, dass in manchen Böen das Wasser auch oben am Cockpitsüll leckt. Gleichwohl wird es an Bord einigermaßen anstrengend, der Windmesser verharrt immer wieder minutenlang oberhalb der 30 Knoten. Spätestens jede zweite Welle bringt eine unvorhersehbar abrupte Bewegung ins Boot, aber auch jetzt knarzt oder poltert nichts unter Deck, wie ich das von Charterschiffen gewohnt bin. Essen fällt weitgehend aus, ich ernähre mich die Nacht über hauptsächlich von Traubenzucker. Der unvermeidliche Gang auf die Toilette wird mit dem Aus- und Anpellen von Ölzeug und Co. im tanzenden Vorschiff zum riskanten Kraftakt. Die Welle ist nicht wirklich hoch, aber steil, ihre rasche Folge zwingt dazu, sich im Schutz der Sprayhood fest zu verkeilen. Wir haben die ganze Nacht eine Hand an der Pinne. Durch die Klarsichtscheibe ist wegen der regelmäßigen Seewasserdusche kaum etwas präzise zu erkennen. Einigermaßen sauberes Steuern verlangt viel Aufmerksamkeit und Kraft. Der Blick hängt meist am Steuerkompass und geht in kurzen Abständen zum AIS-Bildschirm. Da sorgt es für etwas Entspannung, als wir mit dem Passieren von Wangerooge den dichten Schiffsverkehr hinter uns lassen. Zwischen den ostfriesischen Inseln und dem VTG im Norden herrscht abgesehen von ein paar Fischern geradezu gähnende Leere. Karsten und ich teilen uns in einen Wachrhythmus von 90 Minuten. Wir beide brauchen den kurzen Schlaf, um unsere Akkus abwechselnd ein wenig aufzuladen. Längst haben wir gegenseitig Vertrauen gewonnen, dass der andere allein im nächtlichen Cockpit auch unter den schwierigen Verhältnissen keinen Mist baut, so dass wir schnell in die kurzen Schlafphasen finden.

Endlich Borkum
#

Im Juni sind die Nächte kurz und früh dämmert der Morgen herauf. Wir kommen gut voran und sehen uns schon zum Frühstück im Hafen vor Borkum. Aber da hat wohl jemand die Rechnung ohne die Nordsee gemacht. Der Wind dreht wieder stärker auf West, und mit dem Gezeitenwechsel baut sich ein völlig konfuses Wellenbild auf. Nicht dramatisch, aber extrem hinderlich. Die Segel schlagen unkontrolliert mit den Schiffsbewegungen und stabilisieren auch nicht mehr beim dänisch kreuzen, so dass wir sie bergen müssen. Welle und Gezeitenstrom bremsen uns aus; auch unter Motor laufen wir mit schlappen 2,5 Knoten über Grund auf unser Ziel zu. Mühsam klappern wir eins nach dem anderen der großen Windräder ab, die im riesigen Windpark nördlich von Borkum aufgereiht stehen; dabei beschleicht mich das Gefühl, mit laufender Maschine auf der Stelle zu stehen. Die letzten Meilen werden so zu einer harten Geduldsprobe; wir haben mehr als genug Zeit für den Blick auf den Bohrturm, mit dem im Wattenmeer westlich von Borkum Jagd auf das letzte Erdgas gemacht wird. Aber schließlich können wir ins Fahrwasser der Ems eindrehen und am Borkumer Südstrand entlang auf das lokale Wahrzeichen „Fischerbalje“ zuhalten. Als drittes Boot im Päckchen machen wir endlich im Borkumer Schutzhafen fest. Jetzt fordern die Anstrengungen der letzten 20 Stunden ihr Recht: Ein kurzes Nickerchen, anschließend noch ein rasches Abendessen in einem nahegelegenen Fischrestaurant und dann ab in die Koje.

Gentlemen …
#

Gentlemen don’t sail to windward"

Von wegen “Gentlemen don’t sail to windward”. Alles Warten auf segelbare Winde war umsonst – der Südwest blieb uns treu. Wir benötigten für den Törn mehr Zeit als geplant und erreichten Lymington schließlich am 17. Juni. Klar war der Törn zeitweise anstrengend; in meiner Retrospektive überwiegen dennoch eindeutig die positiven Erinnerungen. Die Herausforderungen der Gezeitennavigation wie die Befriedigung, wenn der Strom nach einem ganzen Segeltag die Lucy genau wie berechnet vor den mächtigen Hafen von Dover setzt. Das Ablegen in Brighton um 2 Uhr nachts im Nebel mit Sichtweite unter 50 m wie die Kreuz bei Starkwind im Solent bis vor die Hafeneinfahrt von Lymington 12 Stunden später. Dort werden wir von einer Jolle aus mit einem herzlichen „Welcome to Lymington!“ empfangen. Was für eine schöne Überraschung, von Kit Rogers persönlich begrüsst zu werden! Kit hat die Jeremy Rogers “Contessa” Werft von seinem Vater übernommen und viele Jahre geleitet.

Lange Schläge und Anstrengungen, aber auch der gemütliche Klönschnack beim Kaffee mit Karsten morgens in der Kajüte an den Tagen, an denen das Wetter ein Weiterkommen verhinderte. Ja – hat gepasst!

Peter Skyba

Fotos
#

Route
#

🗺️
Karte wird geladen...